Was geschieht mit einem Impuls auf dem Weg durchs Gehirn?
Wie der Gedanke im Kopf entsteht... eine schwierige Frage. Im Alltag ist öfter mal davon die Rede, dass irgendetwas jemanden "auf einen Gedanken gebracht" habe. Impulse, und dabei
interessieren mich vor allem Handlungsimpulse, können aus verschiedenen Quellen entstehen.
Zunächst einmal scheint das Gehirn "einfach so" Gedanken zu produzieren,
verarbeitet Informationen und Eindrücke und gestaltet aus Bekanntem etwas Neues. Wie und warum dann in so manchem Gehirn etwas völlig Neues, eine neue Theorie, eine neue Erfindung oder ein
Gedicht entsteht, ist und bleibt dabei rätselhaft. Zumindest scheint es nicht "auf Kommando" zu funktionieren, Kreativität lässt sich nicht im strengen Sinne "machen".
Impulse können entstehen aus Bedürfnissen, aus einem Hungerfühl etwa, aus der Wahrnehmung, dass es "zu kalt" ist und daher vielleicht angemessen, die Heizung
einzuschalten. Aus einem Bedürfnis also kann ein Handlungsimpuls werden, wenn das Gehirn eine Idee davon hat, wie sich der Mangel beseitigen, das Bedürfnis befriedigen lässt. Impulse können auch
durch äussere Einflüsse entstehen, durch Äusserungen anderer - eine direkte Handlungsaufforderung ist dabei die direkteste Form. "Mach doch mal..." - also nehmen wir an, dass eine solche
Aufforderung "angekommen" ist, das Gehirn also tatsächlich aufnimmt, welche Handlung da vollzogen werden soll.
Dass einer Aufforderung Folge geleistet wird, ist
keinesfalls selbstverständlich. Dass eine Handlungsidee, auf die ein Mensch mehr oder weniger "von allein" gekommen ist, auch verwirklicht wird, ist auch nicht selbstverständlich. Was
also geschieht mit dem Impuls auf dem Weg durchs Gehirn und woran liegt es, dass manche Impulse tatsächlich in Handlungen umgesetzt werden und andere nicht? Warum tue ich, was ich tue, warum
lasse ich, was ich lasse?
Eine weiterführende Frage dabei ist: was ist ein "gesunder Impuls" und wie verläuft ein "gesunder Prozess", bei dem ein gesunder Impuls in
angemessener Form realisiert wird?
Der Impuls, auf Hungergefühle mit "Essen" zu reagieren, ist ein Beispiel für ein recht weit verbreitetes Muster, das wir im
allgemeinen als "gesund" ansehen - im Prinzip, denn hier sind Ess-Störungen in verschiedenen Varianten denkbar, die darauf hinweisen, dass das Essverhalten an sich "mehr oder weniger" gesund sein
kann. Fragen nach "gesund" und "krank" können sich also nicht nur darauf beschränken, ob ein bestimmter "gesunder Impuls" realisiert wird. Auch die Frage, WIE der Impuls realisiert wird, spielt
eine Rolle.
Aber zurück zur Frage, was mit einem Impuls auf dem Weg durchs Gehirn geschieht...
Mit einer gewissen
Wahrscheinlichkeit wird er aus dem Bewusstsein verschwinden. Sollte ich jemals auf die Idee kommen, meine Ohren auszuklappen und davonzusegeln oder mich wie ein Vogel in die Lüfte zu erheben,
wird mein Gehirn aus Erfahrung die Bewertung hinzufügen, dass dies wohl nicht möglich sei, also... lass es bleiben. Träumen kann man trotzdem davon und das ist wohl der Grund, warum es Flugzeuge
gibt. Das Gehirn wird also bei manchen Impulsen, die sich nicht realisieren lassen, nach Wegen suchen, eventuell durch den Gebrauch gewisser Hilfsmittel doch noch zum Ziel zu
kommen.
Auch das ist bereits eine wichtige Einsicht: aus Impulsen, aus Ideen können Ziele werden. Vorab aber wird ein Impuls bewertet: ist das
sinnvoll? Ist das machbar? Kann ich das? Lautet das Ergebnis "ich kann nicht", steht es schlecht um den Impuls - er wandert bildhaft gesprochen in die Ablage P (Papierkorb).
Erste Hypothese also: ein Impuls wird nur dann realisiert, wenn er als realisierbar bewertet wird. Handeln werde ich dann, wenn ich handeln kann. Genauer: wenn
ich glaube, handeln zu können, denn es könnte sich zeigen, dass das, was ich mir da vorstelle, eben doch nicht realisierbar ist. Das Phänomen Angst zeigt
anschaulich, dass Handlungsimpulse an Gefühlen scheitern können: auch dann, wenn es einem Individuum sinnvoll erscheint, andere Menschen anzusprechen, lässt sich der Kontakt manchmal nicht
herstellen, und man kann nun darüber streiten, ob die Blockade hier nun eine Frage des Gefühls oder eine Frage des Denkens ist. Klarer wird es durch die Formulierung: ich
kann nicht, weil ich Angst habe. Gefühle können einen Handlungsimpuls unterstützen, sie können ihn aber auch blockieren. Vorsichtig formuliert könnte man sagen (zweite Hypothese):
Handlungsimpulse, die mit angenehmen Gefühlen verbunden sind, werden mit einer grösseren Wahrscheinlichkeit realisiert als Impulse, die mit unangenehmen Gefühlen verbunden
sind. Unmittelbar verbunden mit Gefühlen ist die Frage nach der Motivation: Angenehme Gefühle werden eher den Wunsch erzeugen, einen Impuls zu
realisieren, unangenehme Gefühle können einen Impuls in die Ablage P befördern. Oder - einen Konflikt auslösen.
Dritte Hypothese: Ein Handlungsimpuls wird dann mit einer höheren Wahrscheinlichkeit realisiert, wenn er durch Motive unterstützt wird, die eine Annäherung an die
beabsichtigte Handlung bewirken. Okay, dann fragt sich: wie jetzt? Steht dem Gehirn ein Programm zur Verfügung, wie der Impuls zu realisieren ist, kann es "losgehen"
- Wissen und Erfahrung, Fertigkeiten, die zur Verfügung stehen, entscheiden darüber, ob und wie ein Impuls realisiert wird. Fehlt etwas und ist sich das Gehirns dieser Defizite bewusst, droht dem
Impuls auch hier die "Ablage P". Einen Handlungsimpuls werde ich also dann mit einer höheren Wahrscheinlichkeit realisieren, wenn ich "weiss wie", also über
Fertigkeiten verfüge, die notwendig sind, um die "Idee" zu verwirklichen.
Doch auch das genügt noch lange nicht... immerhin könnte ich zu dem Schluss
gelangen, dass eine bestimmte Idee unmoralisch, verwerflich, kriminell ist, zu Effekten führen könnte, die unerwünscht sind - die interne "Kontrollabteilung" kann NEIN sagen. Etwa für das
Verständnis von Suchterkrankungen sind solche Kontrollprozesse von grosser Bedeutung. Dem Alkoholiker, der sich "ein Gläschen genehmigt" fehlt eben gerade an dieser Stelle eine (im Sinne der
Abstinenz) wünschenswerte Blockade. Und selbst dann, wenn sie im Laufe einer langen Therapie mühsam aufgebaut wurde, wird sie möglicherweise brüchig - "sich etwas genehmigen" heisst dann "ich
erlaube mir etwas". Solche "Schlupflöcher" in den Prozessen der Selbstkontrolle führen dazu, dass so mancher Impuls, der insgesamt längst als "unerwünscht" beurteilt wurde, eben doch seine Bahn
bricht.
Ein Handlungsimpuls wird dann mit einer höheren Wahrscheinlichkeit realisiert, wenn das Gehirn dem Impuls eine "Genehmigung" erteilt.
Es ist fraglich, ob ein Impuls auf dem Weg durch das Gehirn einer "geraden Linie" folgt - jedes Modell kann stets nur eine mehr oder weniger nützliche
Annäherung sein. Die Realität dürfte weit komplexer sein, mit vielen Schleifen, Umwegen, Irrwegen versehen... Und ob das menschliche Gehirn jemals imstande sein wird, die eigene Struktur und
Dynamik vollständig zu begreifen, ist ebenfalls eine schwierige Frage. In ähnlicher Weise könnte man fragen, ob es möglich ist, einen Computer so zu programmieren, dass er lernen kann, sich
selbst zu programmieren - wer weiss, was dabei herauskommen würde?
Vielleicht genügt es, wenn der Impuls, das eigene Leben zu gestalten, eine Zeit lang durch das
Gehirn wandert - und mit der Zeit hier und da Wege findet, sich auf die eine oder andere Art zu verwirklichen...
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